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78 Records – Perths Location für Audiophile

914 Hay Street, die Adresse sollte sich jeder der Interesse an alternativer Musik hat merken. Denn als junger Student vermisst man im Ausland wahrscheinlich nicht heimische Küche oder den Supermarkt sondern eher den lokalen Musikshop. Anders als andere Geschäfte ist der favorisierte Laden für CD oder Vinyl nämlich kein Megastore im Stadtkern sondern meistens ein kleiner etwas unscheinbar anmutender Laden in einer Seitenstraße, weshalb man oft ein oder zwei Semester verbringt bis man ihn dann für sich entdeckt.

In Perth gibt es einige gute Läden für Musik aber keiner hat mich so restlos überzeugt wie 78 Records am Ende der Hay Street und obwohl der Laden im letzten Jahr etwas verkleinert wurde ist es für mich immer noch die Top-Adresse wenn es um den Ohrenschmaus geht.

Am 19. Juni 1971 öffnete der Laden zum ersten Mal seine Türen zu einer damals noch musikalisch relativ unterentwickelten Stadt. Aber schnell sollte man herausfinden, dass 78 Records den Musikeinzelhandel maßgeblich prägte, obwohl der Laden ursprünglich ziemlich klein war.

Die drei Freunde und Musikliebhaber Geoff „Hud“ Hudson, John Hood und John „Scruff“ McGregor waren es satt über immer neue und faszinierende Musik zu lesen, die in den lokalen Läden der einzigen großen Stadt auf der Westseite des letzten Kontinents nie verfügbar waren. Daher beschlossen sie, dass der einzige (und beste) Weg die Vorzüge eines wirklich guten Plattenladens zu genießen, selbst einen zu aufzumachen sei. Angetrieben von jugendlichem Enthusiasmus und der Ambition den perfekten Plattenladen zu erschaffen, mieteten sie zwei nebeneinander liegende Räume im Padbury Building (das damals an der Stelle stand wo sich heute Myer befindet) mit Blick auf Forrest Place und das GPO. Die Location befand sich nicht nur inmitten von Perths Einkaufspassage sondern stellte sich, wie es sich für einen richtig guten Musikladen gehört, auch als quasi politisch relevanter Punkt heraus, denn der Laden war der perfekte Aussichtspunkt um Gough Whitlam’s Antrittsrede zu verfolgen, nachdem die Labor-Partei eine 23-jährige Regierung der Liberalen beendete.

Zu Beginn hatte 78 Records einen Katalog von ca 300 Titeln, alle auf Vinyl und die meisten davon Importe, mit einer starken Tendenz zum Blues aber auch mit diversen Platten aus anderen Genres, soviele man eben in zwei kleinen Räumen unterbringen konnte. Es war die Liebe zum Blues und der Ehrgeiz ein zeitloses Image zu kreieren welche die drei Musikfreaks zu dem ihren Laden definierenden Logo inspirierte: die einzige fotografisch existierende Abbildung von Gitarrist Blind Lemon gepaart mit dem simplen und gleichzeitig profunden Namen 78 Records – dem Format auf dem Blind Lemons Originalaufnahmen erschienen.

In der Anfangszeit war 78s so etwas wie eine Hausindustrie. Die Papiertüten für die Platten wurden beispielsweise in Handarbeit per Siebdruck mit dem Logo versehen und im Hinterhof an der Wäscheleine zum Trocknen aufgehängt. Sämtlicher Profit wurde sofort wieder reinvestiert. Noch vor der Existenz von RTR FM und anderen lokalen Radiosendern, lokaler Presse und Fanzines, geschweige denn des Internets, war die einzige Methode um für den Laden Werbung zu machen diverse Handzettel über die ganze Stadt zu verteilen und überall dort aufzuhängen wo die Leute es am ehesten entdecken würden, und natürlich die gute alte Mund-zu-Mund-Propaganda. Zum Glück zeigten sich beide Methoden als durchaus fruchtbar und es dauerte nicht lange bis der Laden in einen weiteren kleinen Raum auf demselben Flur expandierte und sich eine nicht kleine Zahl von Stammkunden bildete.

78 Records führten ihr Konzept für drei Jahre weiter: stetiges Ausbauen der Fläche und kundenorientierte Auswahl. Und die Musikfans kamen. Die drei Betreiber hatten den Ehrgeiz sämtliche Platten zu führen, welche die musikbegeisterten Jungs und Mädels in Perth nirgendwo anders fanden: Alben wie „Sticky Fingers“ von den Rolling Stones, Jethro Tulls „Aqualung“ oder Neil Youngs „Harvest“ mögen vielleicht heute auf jedem Grabbeltisch in der City zu finden sein, aber damals war hier unten nicht so einfach dran zu kommen und die Jungs von 78 wussten das und änderten etwas daran.

Ungefähr zur selben Zeit als der Katalog aus dem Rahmen zu wachsen begann und allmählich zu groß für die bescheidenen Räumlichkeiten zu werden drohte geriet das Gerücht in Umlauf, dass das Padbury Building abgerissen werden sollte. Daher warteten die Jungs nicht darauf auf die Straße gesetzt zu werden und suchten sich sofort nach einem neuen Standort für ihren Laden um, vorzugsweise größer und parterre. Was im Grunde nichts anderes als ein kleiner Schuppen neben His Majesy’s Theatre war, wurde 78’s neuer Laden, der heute von Fans und Mitarbeitern liebevoll „The Old Building“ genannt wird. Mai 1974 wurden dort die ersten Platten verkauft und die Location (843 Hay Street) blieb dieselbe für dreizehn kommende Jahre. Anders als ihr Spot im Padbury Building gab es in dieser Ecke von Perth so gut wie keinen anderen Laden, aber das kümmerte die Jungs wenig. Tatsächlich gab es ihnen noch mehr Antriebskraft ihren Laden zu etablieren, denn Pionierarbeit war etwas, dass 78 schon von Anfang an angestrebt hatte.

Allein die Größe des neuen Ladens hatte zur Folge, dass sich der Katalog in alle Richtungen ausweitete und das in einem äußerst rasanten Tempo. Der Laden zog Kunden mit den verschiedensten Geschmäckern an, die sich, bevor sie eine Platte kauften, drinnen gemütlich in einen Beanbag setzen und sich ihre Auswahl anhören konnten. Das war ein weiteres Stück Pionierarbeit, denn so etwas gab es damals in Perth auch noch nicht. Die Größe des Ladens erlaubte eine Ausweitung des Angebots auf Kassetten, sowie das Führen einer höheren Stückzahl pro Platte. In den 13 Jahren im „Old Building“, welches mit seinen eingefärbten und bemalten Frontfenstern und der schmalen Eingangstür eine einmalige private und gemütliche Atmosphäre innehatte, wuchs natürlich auch die Anzahl der Mitarbeiter um die Wünsche der immer zahlreicher werdenden Kundschaft zu befriedigen. Mit den neuen Mitarbeitern kamen neue Persönlichkeiten die dem Laden ihren eigenen Stempel aufdrückten, was unter anderem in der In-House Band WACO (West Australian Chainsaw Orchestra), Thementagen und quasi einem eigenen Themesong resultierten. Wer sich heute am Freitag bis zum Ladenschluss in 78s aufhält der kriegt genau wie damals das quirlige Instrumental „A Walk in the Black Forest“ von Horst Jankowski zu hören.

Während der „843 Ära“ erarbeitete sich 78s einen Ruf, der weit über die Metropole hinaus reichte. Künstler aus der ganzen Welt fanden sich oft im Laden ein -wenn sie denn mal durch Perth tourten- auf der Suche nach der einen Platte, die sie nirgendwo anderes finden konnten. Manche von ihnen wollten natürlich auch sehen, wie viele ihrer eigenen Alben im Laden zu finden waren und meistens waren es mehr als anderswo in Australien. Zu den Größen die schon 78s besuchten zählen Joe Cocker, Van Morrison, Elvis Costello, Bette Midler, Lou Reed und Elton John. Und die meisten von ihnen kamen wieder.

1987 drohte einmal mehr der Abriss des Gebäudes und weil 78s in der gleichen Ecke der Stadt bleiben wollte, zog man ein paar Häuser weiter: 884 war die neue Adresse. Der Geist des alten Gebäudes zog mit um, gleichzeitig waren die Betreiber aber auch daran interessiert neue Sachen auszuprobieren. Durch die immer größer werdende Nachfrage nach CDs musste der Katalog entsprechend angepasst werden. Und die Größe des neuen Gebäudes, welche die alte noch einmal übertraf, verlangte auch nach einer moderneren Geschäftsführung: der Einsatz von Computern und das Anbieten von Popmusik kostete den neuen Laden ein wenig von der sympathischen Verschrobenheit seines Vorgängers. Gleichzeitig waren aber alle Mitarbeiter bemüht, den Laden nichts von seiner Einzigartigkeit einbüßen zu lassen. Musikfreaks waren auch weiterhin die Hauptzielgruppe.

1989 wurde der Keller eröffnet, eine Fundgrube für diverse Popkultur-Utensilien, wie Videos, Bücher, Poster, Comics und T-Shirts. Außerdem wurden im Keller auch zum ersten Mal Tickets für Shows im Laden verkauft. Da der Keller nicht ausschließlich für Musik reserviert war, entwickelte er eine eigene Identität und wurde, so wie einst der Plattenladen, der Treffpunkt für diejenigen, die Underground-Literatur oder obskure Kunstvideos suchten, die sie nirgendwo anders fanden. Und der Keller zog mit um, als es im März 1996 von der 884 ins neue und aktuelle Haus, die 914 ging. Die Galerie im neuen Gebäude, welche die meisten Utensilien aus dem einstigen Keller beherbergte, wurde von Musikern, Stand-Ups, visuellen Künstlern und Photographen als Venue genutzt.

Leider wurde der Laden inzwischen wieder ein wenig verkleinert und um ihn weiter finanziell tragbar zu halten, entschloss man sich 2008 die Popkultur-Items aus dem Programm zu streichen und sich wieder auf die Musik zu konzentrieren. Gerne erinnere ich mich daran, wie ich einst dieses dünne weiße Paperback ohne Aufdruck im Laden liegen sah und es daraufhin für 5 Dollar erstand. Es stellte sich als ein postmodernes Manifest eines unbekannten Autors heraus, über das ich auch im Internet bis heute keine weiteren Infos finden konnte. Aber alles in allem ist die Rückkehr zum konventionellen unkonventionellen Plattenladen wahrscheinlich genau das Richtige für 78s. Jeder der sich schon mal in der riesigen Auswahl an 10 Dollar Platten (das sind nicht mehr als 6 Euro!) verloren hat, der weiß was ich meine. Play on Blind Lemon, play on.